Tagungsbericht der 1. Nachwuchstagung des Sexualwissenschaftlich-Interdisziplinären Nachwuchses (SINa)

 

Am 12. und 13. September 2014 fand an der Hochschule Merseburg die erste sexualwissenschaftliche Nachwuchstagung statt, die von der Nachwuchsgruppe SINa (Sexualwissenschaftlich interdisziplinärer Nachwuchs) der Gesellschaft der Sexualwissenschaft initiiert und organisiert wurde. Im Fokus der Tagung stand der aktuelle gesellschaftliche Stellenwert der Sexualforschung als eigenständige Wissenschaftsdisziplin, die sich tagungsübergreifend mit den folgenden Fragen auseinandersetzte: Wie steht es um die Sexualwissenschaft? Hat die sexuelle Libertinage ihre Grenzen erreicht? Wurde bereits alles erforscht und liberalisiert, was es zu erforschen und liberalisieren gibt? SINa konnte für die Tagung sechs Nachwuchswissenschaftler_innen gewinnen, die über aktuelle Themen der Sexualwissenschaft referierten.  Zum Abschluss der Tagung tauschten sich dann renommierte Sexualwissenschaftler mit dem Nachwuchs über Erfolge und Zukunft der Sexualwissenschaft aus. Das Rahmenprogramm gestaltete Robert Lüddecke mit einer One-Man-Show in der Rolle des Paragraph 218 und der Verein Außergewöhnlich mit seiner Fotoausstellung „Gegensätzlich? Menschen mit und ohne Handicap zeigen Leidenschaft“.

 

Die Teilnehmer_innen aus den verschiedensten Arbeitsgebieten und Fachrichtungen wurden zu Beginn von Prof. Dr. Harald Stumpe, Dekan des Fachbereichs SMK, der Hochschule Merseburg sowie von PD Dr. Kurt Seikowski, Vorstandsvorsitzender der GSW, begrüßt.

 

Den Auftakt der Tagung gestaltete Astrid Herrmann-Haase, die über „Frauen als Täterinnnen“ referierte. Ein bisher weitgehend unerforschtes Gebiet, das sich mit einem gesellschaftlichen Tabu befasst. Daher ist davon auszugehen, dass es ein großes Dunkelfeld gibt. Opfer, die sich nicht trauen Missbrauch anzuzeigen und Täterinnen, die kaum Anlaufstellen haben, um sich Hilfe zu holen sowie ein Rechtssystem, das mit dem Umgang mit weiblichen Sexualstraftäterinnen überfordert ist und Institutionen, die weibliche Täterschaft nicht in ihren Leitlinien mitdenken – all das sind Konsequenzen dieser Tabuisierung, die die Referentin in ihrer Forschung herausgestellt hat. In ihrer Masterarbeit hat sie hierzu Handlungsempfehlungen für die Praxis entworfen. In der anschließenden Diskussion mit dem Plenum wurde unter anderem die Frage nach der Bedeutung des Dunkelfelds in Gegenüberstellung zum tatsächlichen Machtungleichgewicht in unserer Gesellschaft und damit dem damit einhergehenden Übermaß an männlichen Tätern aufgeworfen.

 

Anschließend sprach Maika Böhm (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Sexualforschung), die in ihrem Referat Ergebnisse  einer quantitativen und qualitativen Befragung von Student_innen vorstellte und verschiedene Beziehungstypen, die sich unter der bundesdeutschen Studierendenschaft finden, präsentierte. Enttäuschung und Unglaube machte sich unter den Teilnehmenden der Tagung breit. Kann es wirklich sein, dass Studierende in Deutschland so wertkonservativ, treu und sexuell zurückhaltend sind? Es kann – so zumindest die Ergebnisse der Studie. Serielle Monogamie anstelle von wildem Sexleben – so leben Studierende ihre Beziehungen heute.

Nach der Pause hatte die Tagung den Paragraph 218 StGB (Strafbarkeit eines Schwangerschaftsabbruchs) zu Besuch. Robert Lüddecke verkörperte diesen und erzählte in einer unterhaltsamen One-Man-Show seinen geschichtlichen Werdegang um sich mit den Worten „Ich glaube es ist Zeit für mich zu gehen“ zu verabschieden.

 

Julia König (Goethe-Univeristät Frankfurt a.M.) begeisterte die Teilnehmenden im Anschluss mit ihrer Darstellung und Analyse einer Verführungsszene aus dem Alltag in einer Kindertagesstätte. Sie betrachtet dabei das Sexuelle als einen „genuinen Bestandteil“ der Beziehung von Kindern und Erwachsenen, der vor allem auf Grund der Sprachverwirrung – also der unterschiedlichen Bedeutungsbeimessung von Kindern und Erwachsenen – verwirrende Effekte erzeugt. Julia König möchte mit ihrer Arbeit zeigen inwiefern sexuelle Dynamiken immer schon Teil der Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen sind und warum es wichtig ist, dafür eine Sprache zu finden. Sie geht bei der Analyse der von ihr erlebten Situationen tiefenhermeneutisch vor und setzt dabei die eigene Subjektivität als Erkenntnismoment ein – ohne zu vergessen, dass kindliches Erleben durch die erwachsene Perspektive darauf nicht vollständig authentisch dargestellt werden kann.

 

In den Pausenzeiten konnten sich die Teilnehmenden eine Foto-Ausstellung des Vereins Außergewöhnlich ansehen. Unter dem Titel „Gegensätzlich? Menschen mit und ohne Handicap zeigen Leidenschaft“ wurden dort erotische Fotografien von Paaren oder Einzelpersonen mit und ohne Handicap dargestellt.

 

Den zweiten Tag startete Heinz-Jürgen Voß, Juniorprofessor (Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung) der Hochschule Merseburg mit seinem Vortrag „Sexuelle Grenzverletzungen: Zwischen problematisierter Abweichung und institutioneller Norm“. Er stellte die aktuellen Entwicklungen im Bereich institutioneller Weiterbildungen dar und eröffnete gleichzeitig den Blick auf die vernachlässigten Bereiche, in denen sexuelle Grenzverletzungen zum „guten Ton“ gehören, wie im Job-Center bei der Befragung ökonomisch prekarisierter Personen oder bei der Beschneidung sexueller Rechte im Strafvollzug. Auch dass in den Diskussionen oft die Perspektiven von Trans*personen oder intergeschlechtlichen Menschen vernachlässigt werden, prangert er an. Er stellt dann heraus, dass das Merseburger Forschungsprojekt Erfahrungswissen systematisieren und dieses stärker in die Lehre von Pädagog_innen einbinden will, indem es hierfür entsprechende Konzepte schafft.

 

Mirja Beck und Dominik Mantey (Universität Kiel) stellten im Anschluss daran eben solche Konzeptentwicklungen dar. Sie befassen sich in ihren Forschungen zum Thema Sexualpädagogik mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention in der Institution Schule. Wie kann sich eine Sexualkultur in Schulen auf Gewaltprävention aber auch auf positiv gestaltete Sexualität auswirken? Das ist eine der Fragen, die sie dabei untersuchen. Ziel ist es, Curricula für die Lehrer_innenausbildung zu entwickeln und gewaltpräventive Wirkung von sexualpädagogischen Konzepten und Sexualkultur zu erheben.

 

Pionierarbeit leistet Kirstin Linnemann (Bundesverband Sadomasochismus e. V.) mit ihrer quantitativen Umfrage zu Beziehung und Rollenverhalten unter 2.000 BDSM-orientierten Menschen. Sie stellte dem interessierten Publikum die verschiedenen Beziehungsformen in der Szene dar. Sie betonte dabei vor allem, dass der Unterschied zu Mainstreambeziehungen nicht auf das Ausleben einer anderen Art der Sexualität beschränkt bleibt, sondern im unterschiedlichen Verständnis darüber liegt, was eine gelingende Beziehung idealerweise ausmacht. Überraschend war für einige Zuhörer_innen wohl auch, dass mehr Männer als Frauen sich für die submissive Rolle in einer solchen Beziehung entscheiden.

Die Tagung fand ihren gelungenen Abschluss in einer Podiumsdiskussion mit dem provokanten Titel „Lustverlust oder Erektionsstörung“. Prof. Dr. Kurt Starke, Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, Prof. Dr. Konrad Weller und Katja Krolzik-Matthei (Sexualwissenschaftlerin M.A.) diskutierten über Errungenschaften und Zukunft der Sexualwissenschaft. Sie stellten fest, dass noch lange nicht alles erforscht sei und die Sexualwissenschaft nach wie vor ihre Berechtigung hat.  Der Forschungs- und Liberalisierungseifer ist noch nicht erloschen. Kein Lustverlust, sondern Leidenschaft. Keine Erektionsstörung, sondern anhaltende Plateauphase mit immer wiederkehrenden Höhepunkten.

Eine gelungene Tagung, die von den Teilnehmenden vor allem wegen der Möglichkeiten der Vernetzung und der Vielfältigkeit der Vorträge gelobt wurde. Das Organisationsteam blickt mit Freude auf diese zwei Tage zurück und erlaubt sich ein wenig Stolz, mit geringsten Ressourcen und auf beinah ausschließlich auf der Basis freiwilligen Engagements eine solche Tagung realisiert zu haben. SINa plant, auch in Zukunft regelmäßig ähnliche Tagungen zu organisieren.